Artgerechte Hundehaltung in der Stadt – geht das überhaupt?

Hundehaltung in der Stadt ist ein kontroverses Thema, das nicht nur unter Hundehaltern regelmäßig Diskussionen bis hin zu erbitterten Grabenkämpfen auslöst. Denn eine Antwort darauf ist einerseits einfach und andererseits auch wieder nicht. Hier gehen wir dem Thema und allen Meinungen dazu auf den Grund.

  1. Was ist artgerechte Hundehaltung?
    1. Kontakt zu Bezugspersonen
    2. Beschäftigung und Bewegung
    3. Ruhe
    4. Futter
    5. Kontakt zu Artgenossen
  2. Ist Hundehaltung in der Stadt artgerecht? Diese Faktoren spielen eine Rolle
    1. Die Rasse(mischung)
    2. Die Prägung
    3. Stadt ist nicht gleich Stadt
  3. Ist Hundehaltung in der Stadt artgerecht?

Was ist artgerechte Hundehaltung?

Bevor wir zur Hundehaltung in der Stadt kommen, beleuchten wir erst einmal, was artgerechte Hundehaltung überhaupt ist. Was gehört dazu und wo machen Hundehalter vollkommen unabhängig vom Wohnort Abstriche? Bei der artgerechten Haltung von Hunden werden grundlegend diese Punkte angeführt:

  • Nähe und Kontakt zu den Bezugspersonen
  • Ausreichend Bewegung
  • Ruhe
  • Beschäftigung
  • Futter
  • Kontakt zu Artgenossen  

Schauen wir einmal genauer hin.

Kontakt zu Bezugspersonen

Die meisten Hunde suchen intensiv die Nähe ihres Halters. Die meisten Halter finden das gut. Zumindest im Freien. In der Wohnung wird es schnell als ultimativ störend empfunden, wenn der Hund auch noch auf der Toilette dabei sein will oder im Bett zu viel Platz einnimmt.

Strikt genommen ist schon das Wegschicken von der Couch, aus dem Bad, aus der Küche, das Trennen durch Türgitter, das Verfrachten in einen Welpenauslauf oder das Einsperren in einer Box alles andere als artgerecht. Unabhängig vom Wohnort. Auch das Alleinlassen, weil du arbeiten musst, einkaufen oder zu einem Arzttermin, könnte als nicht artgerecht interpretiert werden.

Einen potenziellen Unterschied zwischen Stadt und Land gibt es aber dennoch, und zwar im Freizeitbereich: In städtischer Umgebung gibt es weniger wirklich hundefreundliche Möglichkeiten zum Mitnehmen des Vierbeiners.

Beschäftigung und Bewegung

Leine dran, loslaufen, Umwelt und Natur erkunden, im Freilauf rennen und toben lassen, spielen, Hundesport: Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, Hunde zu beschäftigen.

Dabei fällt allerdings der erste gravierende Unterschied zwischen Stadt und Land auf. Wer ruhiger und grüner wohnt, kann direkt von der Haustür an spannendes Schnüffeln bieten, in Ruhe gehen und dadurch für eine sehr artgerechte, natürliche und gesunde Form der Beschäftigung und Bewegung sorgen.

In der Stadt gestaltet sich das deutlich schwieriger. Es gibt weniger Grün, dafür mehr Müll, mehr Menschen, mehr Verkehr und mehr Bereiche, wo Hunde ihrer Gesundheit zuliebe weder schnüffeln noch langlaufen sollten. Es gibt weniger Flächen, auf denen ausgedehnter Freilauf ohne ständige Begegnungen mit anderen Hunden und Menschen möglich ist.

Wann immer ich dieses Argument anführe und damit anklingen lasse, dass Hundehaltung in der Stadt eben weniger artgerecht ist, erhalte ich diese erboste Antwort:

„Ich fahre jeden Tag mit meinem Hund raus ins Grüne!!!“

  1. Also ist Hundehaltung in der Stadt weniger artgerecht! Genau das bedeutet diese Antwort. Wäre die Stadt hundetauglich, wären die Fahrten unnötig.
  2. Keiner fährt wirklich täglich raus ins Grüne. Da sind mal die Überstunden, mal ist der Fuß verknackst, mal fehlt die Lust, mal spielt das Wetter nicht mit und tausend andere Gründe, die im Alltag aufkommen können.
  3. Die Fahrtzeit geht von der Zeit für den Hund ab. Wer im Stau steht oder im Anschluss noch einen Termin hat, muss sich im Grünen reichlich beeilen.
  4. Das „Grüne“ in Stadtnähe ist oft überlaufen und damit nur geringfügig besser als der nächste Park.

Und selbst wenn es eine tägliche Fahrt gibt, spielt der nächste Punkt dennoch mit rein in die städtische Hundehaltung.

Ruhe

Ausreichend Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten sind grundlegende Bestandteile der artgerechten Hundehaltung. In der Stadt treffen sehr viele Faktoren aufeinander. Mehr Menschen, mehr Verkehr, mehr Hunde auf weniger Fläche. All das summiert sich zu generell mehr Unruhe. Jede Löserunde ist lauter, hektischer und voller Reize.

Aber zum Entspannen und für die Ruhe gibt es schließlich die Wohnung!

Ja, natürlich, aber das ist deutlich zu kurz gedacht. Denn auch in der Wohnung sind noch immer sehr viele Menschen auf sehr wenig Fläche – auf das Haus, die Nachbarschaft und die Straßen bezogen. Damit ist es unweigerlich lauter. Knallende Türen, Klingeln, Niesen, laufende Waschmaschinen, Streitgespräche nebenan oder gegenüber, Hupen, röhrende Motoren… Für Hunde ist das auch innerhalb der Wohnung hörbar, was die Entspannung deutlich erschweren kann.

Futter

Ob Stadt oder Land, der Wohnort spielt hier keine Rolle. Dennoch ist die Fütterung ein entscheidender Faktor für die artgerechte Haltung, der oftmals vernachlässigt wird. Trockenfutter ist zum Beispiel definitiv nicht artgerecht. Ebenso wie den Hund nur einmal täglich zu füttern oder immer das Gleiche in den Futternapf zu werfen. Dennoch gibt es sehr viele Halter, die einmal am Tag Monofütterung betreiben und dazu auch noch Trockenfutter verwenden.

Kontakt zu Artgenossen

Zur artgerechten Haltung von Hunden gehört es laut Gesetz, dass „ausreichend Kontakt zu Artgenossen besteht“. Hier scheint die Stadt die Nase vorn zu haben, schließlich finden sich hier auf deutlich engerem Raum meist deutlich mehr Hunde. Und das sogar ohne den Besuch der Hundewiese.

ABER: Artgerechter Hundekontakt besteht eben nicht daraus, dass sich alle Hallo sagen müssen, es ständig zu Leinenkontakt kommt oder wildem Spielen auf der Hundewiese. Diese „Begegnungen“ sind für Hunde oft unangenehm bis Stress pur und verlangen ihnen einiges ab.

Denn: Spätestens erwachsene Hunde können mit wildfremden Artgenossen nicht viel anfangen. Sie brauchen Zeit, um sinnvollen und friedlichen Kontakt herzustellen und von den Treffen wirklich etwas zu haben.

Anderenfalls stoßen sie zwar täglich auf sehr viele Hunde, sind aber dennoch einsam. Der scheinbare Vorteil der Stadt ist damit keiner.

In ländlichen Bereichen ist hingegen Mehrhundehalter einfacher, weswegen häufig auch zwei oder mehr Hunde in einem Haushalt wohnen. Dadurch haben die Vierbeiner feste Sozialpartner, was eine wirkliche Bereicherung ist.

Ist Hundehaltung in der Stadt artgerecht? Diese Faktoren spielen eine Rolle

Obwohl einiges gegen die Hundehaltung in der Stadt spricht oder sie zumindest weniger artgerecht macht, sollten wir alle Faktoren betrachten. Schließlich gibt es zahlreiche Unterschiede zwischen Hunden und dem Wohnort.

Die Rasse(mischung)

Bei dieser Frage kommt ganz schnell die Antwort, dass sich große Hunde weniger gut für die Stadt eignen. Das ist Quatsch. Denn auf die Größe kommt es nicht an. Ungeeignet für die Stadt sind hingegen Hunde, die:

  • sehr reizoffen sind
  • eine starke territoriale Veranlagung haben
  • wach- und bellfreudig sind
  • extrem lauffreudig sind
  • bei Hitze stark eingeschränkt sind
  • artgenossenunverträglich sind

Darunter fallen unter anderem Hütehunde, Wach- und Hofhunde und andere Gebrauchshunde sowie kurznasige Hunde.  

Die Prägung

Soll ein Hund in der Stadt klarkommen und hier umweltsicher sein, muss er so zeitig wie möglich daran gewöhnt werden. Anderenfalls leidet er unter Dauerstress, der sich auf zahlreichen Wegen ausdrücken kann. Angst, Unsauberkeit, Krankheiten, Dauerbellen, Aggressionen und selbstverletzendes Verhalten sind möglich.

Dabei ist es vollkommen egal, ob dein Hund vom seriösen, erfahrenen Züchter kommt oder vom Hinterhof-Vermehrer. Es sind die allmählichen Gewöhnungen in der prägenden Phase, die zählen. Einen Landei-Hund in die Stadt zu verpflanzen, ist daher keine gute Idee und endet schnell in Reizüberflutung und Verunsicherung.

Im krassen Gegensatz dazu wirst du keinen Experten – und noch viel wichtig – keinen Hund sagen hören: Uuuuuuuh, Umzug von der Stadt aufs Land… Na, ob das gut geht?!

Stadt ist nicht gleich Stadt

Bei der Frage „Ist Hundehaltung in der Stadt artgerecht?“ darf ein Unterpunkt nicht fehlen. Dieser lautet ganz simpel: „Welche Stadt und wo in der Stadt?“

Schließlich ist Stadt nicht gleich Stadt. Sprechen wir vom turbulenten Zentrum oder vom Stadtrand? Von Hamburg, Berlin, Köln, München oder von Ilmenau?

Generell lässt sich lediglich sagen: Je lauter, voller und hektischer es ist, desto hundeunfreundlicher ist es auch. Das kann selbst der Park nebenan nicht retten, der Grünstreifen hinterm Haus oder die fast tägliche Fahrt ins Grüne.

Ist Hundehaltung in der Stadt artgerecht?

Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht. Klar ist, dass sich nicht jeder Hund für das Leben in der Stadt eignet und nicht jedes Stadtviertel für Hundehaltung geeignet ist. Klar ist auch, dass oftmals ein erheblicher Mehraufwand erforderlich ist, um die Einschränkungen der Stadt auszugleichen.

Möchtest du einen Hund in der Stadt halten, solltest du die potenziellen Nachteile daher vorher kennen und genau abwägen, ob es fair für den Vierbeiner ist.   

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