5 Minuten pro Lebensmonat an der Leine laufen – mehr darf es für Welpen nicht sein? Vollkommener Quatsch! Woher dieser Irrglaube kommt und warum du keinesfalls auf ihn hören solltest, erfährst du in diesem Beitrag.

- Darf ein Welpe nur 5 Minuten an der Leine laufen?
- Woher kommt die 5-Minuten-Regel?
- Die 5-Minuten-Regel und die Gelenke
- Welpen dürfen nur 5 Minuten an der Leine laufen – stimmt das?
- Wie lange darf ein Welpe spazieren gehen?
Darf ein Welpe nur 5 Minuten an der Leine laufen?
Nein! Weder dürfen Welpen pro Lebensmonat nur 5 Minuten an der Leine laufen, noch dürfen sie nur wenige Minuten am Stück Gassi gehen.
Die 5-Minuten-Regel ist nicht nur in sich falsch, veraltet und schädlich, sondern wird leider immer noch unsinnigerweise verbreitet.
Schauen wir uns erst einmal den Hintergrund an, bevor wir zur Kernfrage kommen, wie lange Welpen Gassi gehen dürfen.
Woher kommt die 5-Minuten-Regel?
Eindeutig geklärt ist das nicht, denn die angebliche Faustregel scheint sich wie bei einem Stille Post-Spiel verbreitet zu haben. Vermutet wird der Ursprung in einer Studie des National Institutes of Heath (NIH) aus den 1970ern.
Bei dieser wurde die Auswirkung von Bewegung auf die Entwicklung von Hüftdysplasie (HD) untersucht. Zu diesem Zweck sperrten Forscher Welpen in kleine Käfige.
Bewegungsmöglichkeiten gab es täglich – du ahnst es schon – für lediglich 5 Minuten pro Lebensmonat. Acht Wochen alte Welpen „durften“ also ganze zehn Minuten am Stück laufen.
Kommt dir das wenig und barbarisch vor? Das ist es auch!
Tatsächlich zeigte sich ein geringeres Auftreten von HD. Das lag allerdings an der erzwungenen Beinhaltung der Welpen in den Käfigen.
Wie sich das Wegsperren auf die Psyche und die sonstige Entwicklung von Muskulatur, Sozialverhalten und Alltagstauglichkeit der Babyhunde auswirkte, wurde leider nicht eruiert.
Von ausgelassen spielenden, glücklichen Welpen, die im Familienverband unterwegs sind, waren diese armen Versuchstiere allerdings meilenweit entfernt.
Warum tun wir unseren Hunden das also an? Weil es angeblich zu ihrem Besten ist.
Die 5-Minuten-Regel und die Gelenke
Nicht nur Hüftdysplasie, sondern auch Schäden an den Gelenken soll die 5-Minuten-Regel vorbeugen können. Leider ist das ganz genau so großer Unfug.
Damit sich ein Hund normal und gesund entwickeln kann, muss er auch in der Wachstumsphase Muskulatur aufbauen und sich bewegen können. Und das nicht nur für 5, 10 oder 15 Minuten.
Erlebst du mal einen ganzen Wurf an Welpen in einer Wachphase wirst du schnell feststellen, dass die Fellnasen ein deutlich größeres Bedürfnis nach Bewegung haben. Toben, sich gegenseitig jagen und über den Haufen rennen, spielerische Kämpfe und Sprünge gehören zum natürlichen Programm. Je nach Alter durchaus 30 oder 60 Minuten am Stück.
Das ist wichtig für die Koordination, den Bewegungsapparat, die Durchblutung, Verdauung, die Nerven und generell für eine gesunde Entwicklung.
So ganz nebenbei brauchen Welpen ausreichend Bewegung, um Ausdauer auf- und Energie abzubauen. Ebenso wie Kinder haben sie von Letzterem eine ganze Menge.
Wenn du einen ausgeglichenen Welpen möchtest, der tief, fest und entspannt schläft – muss er sich also austoben. Das allerdings im eigenen Tempo und ohne Überforderung, zu große einseitige Belastung oder monotone Bewegung.
Klingt kompliziert? Ist es aber nicht, wie du gleich siehst.
Welpen dürfen nur 5 Minuten an der Leine laufen – stimmt das?
Die 5-Minuten-Regel wird einmal so und einmal so ausgelegt. Weit verbreitet ist die Meinung, sie würde sich auf Leinenspaziergänge beziehen.
Der Welpe soll pro Lebensmonat also nur 5 Minuten an der Leine laufen.
Bei einem 12 Wochen alten Welpen hieße das also, ganze 15 Minuten Spaziergang an der Leine sind erlaubt. Pro Tag oder pro Gassi – da scheiden sich die Geister.
Warum aber nur so kurze Zeit an der Leine? Weil der Welpe sich dabei an dein Tempo halten muss! So die landläufige Meinung.
Wie schon bei den ersten Punkten der 5-Minuten-Regel für Welpen handelt es sich auch hierbei um gequirlten Quark.
Solange du deinen Welpen nicht im Stechschritt hinter dir herziehst, sondern dich an seiner Geschwindigkeit orientierst, falls nötig Pausen einlegst und einfach mal in der Gegend rumstehst, damit der Zwerg in Ruhe schnüffeln und gucken kann, wirst du einen gesunden Hund weder körperlich noch geistig überfordern.
Du musst den Hund auch nicht ableinen, um mit ihm ein Stück zu rennen, einen Ball zu werfen, ihn über Stock und Stein klettern zu lassen (sofern er das will) oder den Rückruf zu üben.
Viel wichtiger als die Leine ist dabei, dass du die Dauer von entscheidenden Faktoren abhängig machst.
#1: Die Außenreize
Volle Fußgängerpassage mitten in der Innenstadt oder abgelegener Feldweg auf dem Dorf – die Unterschiede bei den Außenreizen sind gravierend.
Je ruhiger ein Spaziergang ist, desto länger darf er sein. Je mehr Außenreize auf den Welpen eindreschen, desto kürzer muss der Gassigang sein.
#2: Die vorhandene Prägung
Dein Welpe ist mitten in der Stadt aufgewachsen, kennt von Anfang an die Gerüche, Geräusche und volle Fußwege? Das ist super – wenn du ebenfalls in der Stadt wohnst.
Je geringer der Unterschied zwischen der Prägung beim Züchter und dem neuen Zuhause ist, umso einfacher verkraften es die Welpen. Sie müssen weniger neue Eindrücke verarbeiten und sind damit belastbarer.
Du glaubst, ein Welpe aus der Stadt kann bei dir auf dem Land deswegen Stunden am Stück draußen alles entdecken und wird tiefenentspannt damit umgehen? Nein, denn das ist ebenso neu und aufregend, wie der Wechsel aus einem Zwinger in eine Wohnung.
#3: Die Rasse
Ruhiger Berner Senne oder energiegeladener und reizoffener* Border Collie? Das spielt eine entscheidende Rolle.
Die tiefenentspannten Schlaftabletten unter den Hunden lassen sich nicht so einfach aus der Ruhe bringen und sind auch nicht schnell überfordert.
Die eher hibbeligen Vierbeiner müssen sich zwar körperlich austoben können, sind jedoch in kurzer Zeit psychisch an der Belastungsgrenze angekommen.
Hier ist ein angepasster Umgang gefragt. Das gilt auch für den nächsten Punkt.
#4: Das Wetter
Pralle Sonne und 30 Grad im Schatten oder -10 Grad und bitterkalter Ostwind? Halt den Spaziergang kurz.
Zwar werden Rassen aus den südlichen Hemisphären sonniges Sommerwetter lieber mögen und besser vertragen und nordische Hunderassen nicht bei der ersten Schneeflocke kaputt gehen, dennoch sind extreme Wetterlagen (nicht nur) für Welpen anstrengend und werden gefährlich für die Gesundheit, wenn sie mit stärkerer Belastung verbunden sind.
#5: Das Individuum
Der Bruder deines Welpen geht bereits mit zum Wandern, fährt mit in öffentlichen Verkehrsmitteln und absolviert den Agility-Parcours mit Bravour?
Dein Welpe kann hingegen passabel 500 Meter mit drei Unterbrechungen laufen und hat danach die Nase voll?
Lass dich davon nicht zu Vergleichen und Wettkämpfen verleiten. Jeder Hund ist ein Individuum mit unterschiedlichem Charakter, wechselnder Tagesform und variierender Belastbarkeit.
Achte auf DEINEN Hund und lerne, ihn zu lesen. Vielleicht reichen für ihn anfangs wirklich 5 Minuten. Vielleicht braucht er 50 Minuten und sitzt dabei die meiste Zeit, guckt sich seine neue Umgebung an und hält die Nase in die Luft. Beides ist vollkommen in Ordnung. Vielleicht verbringt dein Welpe auch eine sehr fröhliche Zeit damit, einem Laubblatt hinterherzurennen, Schmetterlinge zu verfolgen oder auf Grashalme zu hüpfen.
Lass deinen Welpen Welpe sein, in seinem Tempo
Wie lange darf ein Welpe spazieren gehen?
Natürlich möchtest du an dieser Stelle eine genaue Zeitangabe. Die kann ich dir leider nicht geben und egal wie viele „Experten“ behaupten, sie wüssten es besser, dein Welpe und du sind nicht nur Individuen, sondern ein einzigartiges Team.
Achte auf deinen Hund. Hat der keinen Bock mehr, wird nervös oder ängstlich, geht wieder nach Hause. Erkundet er heute mal länger die Umgebung und ist dabei fröhlich und entspannt, nimm dir die Zeit (sofern du kannst).
Jeden Tag ein bisschen mehr ist eine gute Orientierung. Sei dir aber gewiss, dass es ebenso Tage geben wird, an denen eine Runde um den Block mehr als genug ist. Dabei spielt es keine Rolle, ob dein Hund an der Leine ist oder nicht.
P.S.: Wunderst du dich seit dem * was ein „reizoffener Hund“ ist? Die Erklärung dazu erhältst du im Fachbegriff-Lexikon (coming soon).

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